Freitag verbringe ich die meiste Zeit in meinem Studio und bereite Kursmuster für die kommende Woche in Ningbo vor. Beim gemeinsamen Mittagessen fragt mich Jin, der Hausmeister, ob ich Lust hätte, am Abend nach Shaoxing hineinzufahren. Klar habe ich Lust! Er freut sich sichtlich und meint, er käme später zu mir ins Atelier, um genaueres zu besprechen. Eine Stunde später ist er da und fragt: „Wann wollen wir denn los?“ Ich weiß, dass er bis um 5 Uhr arbeitet und antwortet daher: „Wie wäre es mit 5 Uhr?“ Er strahlt über das ganze Gesicht und sagt: „Ja! Um 5 Uhr!“ Und weg ist er. Ca. eine halbe Stunde später erscheint er wieder und fragt mich: Wwann wollen wir denn heute Abend los?“ Das Kleinhirn fragt: “Sag mal, sind wir hier bei „Täglich grüßt das Murmeltier? Das haben wir doch gerade eben besprochen!“ Die linke Hirnhälfte wirft ein, dass dies vielleicht seine Art sei, den Termin zu verändern, weil fünf vielleicht doch nicht ganz
so günstig ist, er das aber nicht so direkt sagen möchte. Also frage ich vorsichtig: „Mir egal. Was schlägst du denn vor?“ Er antwortet. „6 Uhr – das wäre gut!“ Dann könnte er noch vorher nach Hause, etwas essen und Duschen. Ich: „Wunderbar, dann treffen wir uns um 6 Uhr vorm Hotel.“ Er zieht wieder los. Ich sehe ihn einige Male, wie er ins Nachbaratelier zu seiner Frau läuft, es ist offensichtlich, dass er total aufgeregt ist. Die rechte Hirnhälfte äußert die Vermutung, dass es nicht bei 6 Uhr bleiben wird. Noch mal eine halbe Stunde später erscheint er wieder bei mir: „Sag mal, was hältst du von 5:30 Uhr? Wir gehen zusammen essen und fahren dann los!“ – Mir ist alles recht. Mittlerweile ist es kurz vor fünf, also gehe ich jetzt mal davon aus, dass das der endgültige Plan ist. Und tatsächlich: Um 17:30 Uhr erscheint er vom Hotel. Wir gehen drei Häuser weiter in sein Lieblingslokal, um Nudeln zu essen.
Ich weiß, dass er kein Auto hat und frage mich langsam, wie wir eigentlich in die Innenstadt kommen wollen, die 12 km weit entfernt ist. Er fährt immer E-Roller. Soll ich mich da hinten draufsetzen? Es stellt sich raus: Wir nehmen den Bus. Prima! Ich bin in China noch nie mit dem Bus gefahren, und nachdem es in Lanting keine U-Bahn-Station gibt, wäre es durchaus nützlich, zu wissen, wie das Bussystem hier funktioniert.
Jin fragt mich auch prompt, ob ich zwei RMB in bar hätte. Habe ich. Die zwei Münzen werfen wir im Bus in eine kleine Box, die neben der Fahrerkabine aufgestellt ist. Die durchsichtige Box sieht eher aus wie eine Spendenbox. Wechselgeld ist nicht. Zwei RMB sind ungefähr 20 Cent, da braucht man über Wechselgeld auch nicht verhandeln.
Mittlerweile befinden wir uns in einer Art Fressmeile. Es gibt kleine Törtchen, auf die ein Berg Eischnee getürmt wurde. Unter dem Eischnee verbergen sich eingelegte Birnen, die man erst beim Reinbeißen bemerkt. Gar nicht schlecht. Daneben ist ein Stand, der frittierten stinkenden Tofu anbietet. Dies ist eine Spezialität von Shaoxing. Der Tofu ist fermentiert. Geschmacklich ähnelt er einem Romadur, der bis zur Unkenntlichkeit durchgereift ist. Das habe ich einmal probiert – das reicht mir bis an mein Lebensende. An einem anderen Stand werden, so wie es aussieht, eingelegtes Gemüse und Gewürze angeboten. Es gibt Probierteller und manche Proben sehen echt abenteuerlich aus. Ich frage Gin, was das denn sei. Ehe ich mich versehe, spießt er ein Häppchen auf einen Zahnstocher und schiebt es mir komplett in den Mund.
Getrockneter Fisch! Bähh! Das geht überhaupt nicht! Ausspucken ist auch nicht. Bleibt nur runterschlucken und sich einen Stand suchen, an dem es etwas gibt, mit dem man den Geschmack aus dem Mund vertreiben kann. Ich entschließe mich für kleine kandierte Äpfelchen.
Die habe ich beim letzten Besuch schon mal gegessen: Die sind super! Anschließend schiebt er mich in einen Laden, indem wir diverse
Liköre verkosten können. Rose, Grapefruit, Osmanthus und Gelber Wein. Die sind zwar nicht schlecht, aber ich habe Angst, so etwas zu kaufen, weil ich nicht weiß, ob es den Transport nach Deutschland überleben würde. Die Verkäuferin sicher zwar zu, dass ihre Flaschen bruchfest wären, aber das Versprechen nutzt mir auch nichts, wenn es nachher nicht stimmt. Also verlassen will den Laden wieder. Und Jin hat nichts Besseres zu tun, als mich 2 Minuten später in ein Laden zu schieben, der traditionellen Shaoxing Wein herstellt. Der Verkäufer ist sichtlich begeistert, dass sich eine Ausländerin in seinen Laden hineingetraut hat. Wir werden ins Hinterzimmer komplementiert, wo wir den Unterschied zwischen zehnjährigen, 20-jährigen und 30-Jährigen gelben Wein probieren dürfen. Der 30-Jährige schmeckt tatsächlich nur noch wie Honig, der Alkohol ist überhaupt nicht mehr zu spüren. Aber wieder die Frage: Hält so eine Flasche den Transport nach Deutschland aus? Ich will das Risiko nicht eingehen, also ziehen wir auch hier wieder von dannen, ohne etwas gekauft zu haben. Dafür möchte der Eigentümer ein Selfi mit mir machen. Auch gut.
10 m weiter finden wir eine Frau, die chinesische Haarnadeln anbietet. Das wollte ich immer schon mal ausprobieren. Ich bitte sie, mir einen chinesischen Haar-Knoten zu machen, der mit einer Metallnadel fixiert wird. Zack-zack ist die Dame fertig und der Knoten ist nicht nur super sauber – er hält auch bombenfest. Ich muss unbedingt rausfinden, wie sie das macht.
Zum Schluss gibt es noch ein Reiswein-Eis. Im Prinzip ist das Eis am Stiel, das aus gefrorener Milch mit einem Schuss Reiswein, etwas Schokolade und eingeweichten Reiskörnern besteht. Das war mir bei meinen vorherigen Besuchen noch nie aufgefallen, aber jetzt, da ich die Verpackung kenne, sieht man dieses Eis fast an jeder Ecke.
Insgesamt ist der Abend nicht wirklich spektakulär, aber einfach nur nett. Mittlerweile ist es 21:45 Uhr. Busse, so klärt mich Jin auf, verkehren in Shaoxing nur bis 21:30. Also nehmen wir ein Taxi zurück. Das Taxi kostet 22 RMB. Das ist etwas mehr als zwei Euro. Für unsere Verhältnisse spottbillig aber immerhin das Zehnfache unserer Busfahrt. Dann möchte er wissen, was ich denn morgen vor hätte. Wir hätten ja heute wegen der Dunkelheit nicht so wirklich viel gesehen, ob ich morgen noch mal Lust hätte loszuziehen. Habe ich. Jin fängt wieder an, zu singen. Er ist wirklich sehr extrovertiert. Wie weit das geht, erlebe ich am kommenden Tag hautnah und in Farbe.