China

Barbara Lange

Shaoxing im neuen Licht

23.03.2025

Im Vorfeld dieser Reise gab es zwei Dinge, die mir die Vorfreude auf diese Reise etwas getrübt haben: zum einen das ewig trübe Wetter, dass ich letztes Jahr im März und April erlebt habe und zum anderen eine sehr spontane Planungsweise, bei der immer wieder plötzlich Ideen und Pläne für neue und zusätzliche Vorträge aufploppen, die zur einerseits spannend und interessant sind, andererseits aber auch alle vorbereitet werden müssen und eine gewisse Flexibilität abverlangen. Ich denke, dass ich schon flexibel bin, anstrengend ist es trotzdem.

Vor der Reise war es auch schon prompt losgegangen: Sammi schreibt mich an und fragt, wie mein Vortrag für die Universität lauten würde. Welcher Vortrag? Welche Universität? – Egal. So etwas war ja zu erwarten, also schlage ich ihr einen Vortrag vor. Sie antwortet: „Okay… Vielleicht fällt Dir ja auch noch etwas Besseres ein.“ – Hmm. Was mach ich jetzt mit der Antwort? Erstmal überlegen.  Zwei Tage später schreibt sie mich wieder an: Ob ich ihr bereits die Folien schicken könnte und wie lange denn der Vortrag dauern würde. Ich denke, das Thema ist noch gar nicht fix? Also gut, ich verbringe Dienstag damit, einen Vortrag zusammenzustellen, bei dem ich Entwicklungen in der Quiltszene im vergangenen Jahr aufzeige.

Zwei Tage vor Abflug schreibt mich der Sohn von meinem Gastgeber, Mister Yang, über WeChat an, dass er gehört hätte, dass ich Dienstag ankäme. Ob ich Mittwoch bei ihm an der Schule einen Vortrag halten könnte? Mittwoch!?! Da bin ich noch kaum aus dem Flieger gestiegen. Abgesehen davon, kenne ich meinen Einsatzplan noch überhaupt nicht. Ich leite die Anfrage als an Sammi weiter. Sammi meint, das wäre ja

wohl leicht übertrieben, ich müsste ja erstmal ankommen. Sie würde das klären. Das Ergebnis ihrer Diskussion mit dem ambitionierten Lehrer ist, dass ich meinen Vortrag am Donnerstag halte. Von der kurzfristigen Terminfindung mal abgesehen, unterrichtet Mister Yang Junior an einer Schule für Mediendesign und Computeranimationen. Ich bezweifle, dass da ein Vortrag über das Geschehen in der Quilszene im vergangenen Jahr angebracht ist. Ich stelle also einen zweiten Vortrag zusammen, bei dem der Schwerpunkt auf künstliche Intelligenz und Quiltdesign liegt. Ich schicke den Vorschlag am darauffolgenden Tag ab, und erhalte die Antwort, dass mein ursprünglicher Vortrag bereits von der Universitätsleitung genehmigt wurde und jetzt nicht mehr geändert werden kann. Au weia. Die Schüler tun mir jetzt schon leid.

Bei meiner Ankunft in Shaoxing bespreche ich das ganze noch mal mit Sammi. Nach einer kurzen Rücksprache mit dem Junior rät sie mir: Ich soll den Titel einfach behalten und die Folien ändern. Auch gut.

Am Donnerstag zeigt das Wetter von Shaoxing, was es kann: Die Sonne strahlt vom feinsten. Wir haben kaum Smog. Die Temperaturen liegen zwischen 20 und 25 Grad. Es ist so, als ob ich in einer komplett anderen Stadt unterwegs wäre als vor genau einem Jahr. Mister Yang Junior holt mich um die Mittagszeit ab, ich halte meinen Vortrag, bin auf die Minute pünktlich fertig und werde wieder zum Museum zurückgebracht. Alle happy.

Und jetzt gibt es kein Halten mehr. Ich muss unbedingt einen Spaziergang machen und Shaoxing bei Sonne erleben. Ich schlage den Weg zu dem kleinen Trampelpfad am Fluss entlang ein. Überall sind Frauen zu sehen, die das schöne Wetter ausnutzen, um Ihre Wäsche im Fluss zu waschen. Um die nächste Flussbiegung herum befindet sich ein Platz, an dem jedermann eine Plane ausbreiten kann. um dort Bambus, Salat und was-weiß-ich zu trocknen.

Auf dem ganzen Platz ist Musik zu hören. Erst denke ich, dass der Platz mit Mikrofonen beschallt wird, bis ich einen Mann entdecke, der mit einem Verstärker auf einem Instrument spielt, dass ich nicht kenne (und derzeit ohne Google und Wikipedia auch nicht recherchieren kann). Mittlerweile ist auch klar, dass er übt. Ich behaupte auch, dass seine Nachbarn froh sind, dass er draußen übt. Er freut sich sichtlich, dass ich ihn filme.

Ich sage zwar immer, dass sich das Museum in Shaoxing befinden würde, genau genommen sind wir aber eher im Außenbereich, in dem Vorort Lanting. Lanting hat eher dörflichen Charakter. Man darf sich auch nicht von den Hochhäusern täuschen lassen, die überall zu sehen sind. Die findet man in Dörfern genauso wie in Innenstädten. Wenn man im Lanting allerdings eine Querstraße weitergeht als nur bis zu den Hochhäusern an der Hauptstraße, befindet man sich auf dem platten Land mitten in den Feldern. Die Bauern hacken Unkraut und die einzigen Wege, die es noch gibt, sind kleine Plattenwege an den Entwässerungskanälen entlang. Ich versuche mein Glück und lande auch prompt im Nirgendwo. Als kehrt, marsch, marsch und schon bin ich wieder die Hauptstraße von Lanting. Es ist irre, was sich hier im vergangenen Jahr getan hat. Das Krankenhaus hat einen neuen Flügel dazu bekommen, es sind mehrere neue Hochhäuser entstanden, es gibt einen Supermarkt, einen schicken Laden für Tee

und es ist sogar die Eröffnung einer Filiale der Kaffeehauskette „Luckin Coffee“ angekündigt. Lanting befindet sich eindeutig im Aufschwung